Was tun, wenn man nichts tun darf?

Was tun, wenn man nichts tun darf?

Keine Angst (sic!), jetzt folgt keine weitere Beleuchtung der gegenwärtigen Corona-Krise. Die Medien – ob Zeitungen, Radio, Fernsehen oder Internet – sind voll damit. Die Ereignisse überschlagen sich und erstmals seit Jahrzehnten haben wir wieder ein Thema, das alle, wirklich alle betrifft. Die Kanzlerin wie den Obdachlosen, Kinder wie Greise, Börsenzocker wie Pflegekräfte, die Menschen in Australien wie in Kanada. Ob dieses gemeinsame Narrativ des Jahres 2020 uns auch in wenigen Jahren noch verbinden wird, das wissen wir allerdings nicht.

Die Corona-Krise hat uns alle auf dem „falschen Fuß“ erwischt. Die Wirtschaft brummte, Olympia stand vor der Tür und selbst für den Brexit zeichnete sich eine Lösung ab. Wir, die wir auf Effizienz „getrimmt“ waren, müssen auf einmal die Hände in den Schoss legen. Unsere Routinen sind gestört, die Atmosphäre in fast leeren Bürogebäuden oder in überfüllten Geschäften (und leeren Regalen) kann einem Angst machen.

Ein kleiner Blick zurück: Erinnert sich noch jemand an die Bonpflicht in Bäckereien? „Herr, gib mir dieses Problem doch wieder“, mag man da rufen. Wer erinnert sich noch an den Führungskampf in der CDU? An die Frage, wann der Parteitag stattfinden sollte – vor oder nach den Sommerferien? Wo sind Harry und Meghan geblieben? Wer hätte Deutscher Meister (im Fußball natürlich) werden können? Stattdessen erfreuen wir uns an „Balkongesängen“ (gab es dieses Wort eigentlich schon vor vier Wochen?) und staunen, wie die Krise eine Partei, die wir alle nicht mochten, immer kleiner macht. Zumindest in den Umfragen, mal schauen, ob es so bleibt.

Was nun aber tun, wenn man nichts tun darf?

Um gut mit der Situation umzugehen, bleibt einem (wieder mal) mein altes „Hausrezept“:  Schauen wir der Realität in die Augen, soweit sie erkennbar ist, und schauen wir vor allem auf uns selbst. Denn wir sehen schmerzlich: Unsere individuellen wie kollektiven Handlungsmöglichkeiten sind begrenzt, sie sind in den letzten Wochen täglich mehr und mehr eingeschränkt worden. An dieser Realität können wir zumindest derzeit nichts ändern, aber: An unseren eigenen Einstellungen dazu können wir etwas ändern! Und daraus folgen dann im besten Fall Lernprozesse, die wir mit in die „Zeit danach“ nehmen können.

Im Folgenden geht es daher konkret um zwei Fragen:

  • Was können wir sinnvoll in dieser Pause tun?
  • Was wird sein, wenn wir wieder im „Normalmodus“ sind?

Meine Gedanken und meine Empfehlungen:

Beginnen wir mit dem nächstliegenden, und sicher haben Sie sich diesen Aktivitäten bereits hingegeben und können auf erste Erfolge verweisen: Den Schreibtisch oder gar das ganze Büro aufräumen, den Stapel mit Unterlagen ordnen (oder diese endlich wegwerfen), liegengebliebene Korrespondenz erledigen, den einen oder die vielen so lange liegengebliebenen Artikel oder Bücher lesen oder selbst etwas schreiben, erste Projektvorbereitungen für die Zeit danach beginnen u.v.m. Zu diesen Aktivitäten kommt im häuslichen Rahmen noch so manches wie Gartenzaun streichen, Reparaturen im Haushalt erledigen, den Keller aufräumen und Überflüssiges entsorgen usw. Nicht von ungefähr dürfen Baumärkte – Lebensmittelläden gleich – auch in der Pause öffnen.

Und dann? Dann könnten Sie sich ihrem Umfeld zuwenden:

  • Familie: Entdecken, was die Person, die den größeren Teil des Tages mit den Kindern verbringt, alles leistet und dafür Anerkennung geben; sich intensiver als sonst mit den Kindern, ihrer Persönlichkeit und ihren Möglichkeiten beschäftigen; die Beziehungsqualität unter dem Aspekt der Optimierung auch in schwierigen Zeiten betrachten; ggf. neue Spielregeln im Miteinander entwickeln und installieren; den Kontakt zu Nachbarn und Freunden aufnehmen bzw. und/oder intensivieren durch Gespräche von Balkon zu Balkon oder einem völlig aus der Mode gekommenen Instrument wie Briefe schreiben usw. Noch eine Binsenweisheit: Gesellschaftsspiele heißen deswegen Gesellschaftsspiele, weil man sie in Gesellschaft spielen kann. Also …
  • Geschäftlich: Die Kolleg*innen in ihrem Engagement und ihrer Kreativität neu kennenlernen im Umfeld von home office, einge-schränkter Kommunikation und fehlenden realen Teamstrukturen; eine neue Art und Qualität des Kundenkontaktes installieren bzw. erleben; erfahren, wie unterschiedlich Menschen mit Unsicherheit umgehen; analysieren, welche Strategien und Prozesse sich auch in Problem-situationen als funktional erweisen und welche nicht; über Videokonferenz oder andere geeignete Wege mit anderen zusammen Aktionspläne und Strategien für den Tag danach entwerfen usw.
  • Persönlich: Hier empfehlen sich Reflektionen zu Fragen wie: Was löst diese Situation in mir aus? Wo habe ich Ängste und welche? Wie weit nehmen diese Ängste Einfluss auf mein Denken und mein Handeln? Wie ist es jetzt, in der Krise, um meine Zuversicht bestellt? Lähmt oder beflügelt mich die Krise, sehe ich Möglichkeiten (welche?) oder (nur) Unmöglichkeiten? Wie komme ich damit zurecht, dass jeden Tag neue Informationen kommen und ich mich jeden Tag deshalb neu aufstellen muss/darf? Wie verändert sich der Blick auf Prioritäten und Werte, auf das Leben, auf mein Leben? Macht es Sinn, meine Wertehierarchie neu zu justieren? Vielleicht entwickeln Sie im Kontext mit der Corona-Krise neue Facetten in der Gestaltung Ihres Lebens, und Sie können jetzt z.B. etwas mehr ihre Lebensumstände wertschätzen? Vielleicht mögen Sie anfangen, einerseits ihre Routinen wertzuschätzen (es hat doch was, wenn man jeden Tag zur Arbeit gehen kann), aber auch andererseits die Sinnhaftigkeit mancher Routinen zu hinterfragen, Alternativen zu entwickeln und dann ggf. Veränderungen vorzunehmen? Vielleicht ist Ihnen wieder einmal mehr bewusst geworden, welchen wichtigen Stellenwert Beziehungen zu anderen Menschen und Beziehungsqualität in Ihrem Leben haben?

Und noch etwas für Sie persönlich: Ein befreundeter Buchhändler berichtete mir, dass gerade in diesen Zeiten die „dicken Schmöker“ exzellent „laufen“. Also: Nehmen Sie sich – und wenn es nur eine Stunde am Tag ist – Zeit für das „gute Buch“, Sie werden sehen, welchen Gewinn man daraus ziehen kann.

Was wird also vermutlich sein, wenn die Krise irgendwann vorbei ist? Welche Spuren wird sie hinterlassen? Was könnten Lehren sein?

Höhere Anerkennung von Arbeitsleistungen im Gesundheitssystem

Wünschenswert wäre, dass die weltweiten Gesundheitssysteme und auch das unsere in Deutschland ihre Lehren aus der Corona-Pandemie ziehen. Ganz deutlich hat das Geschehen auf die Schwachstellen in allen, auch unseren, Systemen hingewiesen, und die Verantwortlichen sind jetzt aufgefordert, diese zu analysieren und mit Augenmaß behebende Maßnahmen einzuleiten und umzusetzen. Dazu gehört – zumindest meines Erachtens – eine erheblich bessere Entlohnung der Menschen, die jetzt ihre eigene Gesundheit einsetzen, um anderen zu helfen. „Balkonapplaus zahlt keine Miete“, so geht derzeit ein Spruch viral durchs Netz. Wie wahr! Vielleicht sind wir dann für die nächste Pandemie besser gewappnet, entgehen werden wir ihr wohl kaum.

Kraft der Solidarität

Wünschenswert wäre, wenn alle die Kraft der Solidarität (wieder) entdeckten und das Wissen, dass nicht alles von jedem alleine geregelt werden kann, sondern in der Gemeinsamkeit eine Kraft liegt, welche die des Einzelnen bei weitem überflügelt. So manche Stimmen in den sozialen Netzwerken deuten darauf hin, dass sich hier etwas tut. Der Solidaritätsgedanke hat auch für die Staatengemeinschaft eine neue Bedeutung gewonnen, denn das Virus macht an Grenzen nicht Halt, da (und nicht nur da) ist Kooperation gefragt.

Systemische Zusammenhänge

Wünschenswert wäre auch, dass Einzelpersonen wie Organisationen aller Art erkennen, dass wir in systemischen Zusammenhängen leben und beispiels-weise ein Abschotten, wie in Ungarn oder Polen oder auch von der AfD favorisiert, nicht helfen wird und deshalb keine Lösung ist. 1986, als in Tschernobyl der Reaktor hochging, hat die Wolke atomar verseuchter Luft auch nicht an den Grenzen des damaligen Ost- wie West-Deutschland Halt gemacht. Die Welt ist nun einmal miteinander verbunden, und wie diese Verbindungen aussehen und funktionieren, konnte und kann man z.B. bei der Trump´schen Wirtschaftspolitik mit Abschottung über Zölle gut nachvoll-ziehen. Seriösen Quellen zufolge haben diese Maßnahmen nicht nur der Weltwirtschaft und China, sondern vor allem der amerikanischen Wirtschaft geschadet, und hier vor allem Kleinunternehmern, Angestellten und Farmern (was diese aber nicht hindern wird, wieder Trump zu wählen).

Gerade aber auch für Unternehmen würde ich mich sehr freuen, wenn dort in manchen Führungsetagen endlich begriffen werden würde, dass das Unternehmen nicht nur ein System mit vielen Subsystemen ist und deshalb nicht in oder nach Kästchen funktioniert, sondern seinerseits ein Subsystem eines bzw. mehrerer größeren Systeme ist. Diese Erkenntnis könnte zu ganz anderen Verhaltens-weisen und Entscheidungen führen. Es würde z.B. erkannt werden, dass eine Einzelmaßnahme in einem Teil des Unternehmens dort nicht isoliert wirkt, sondern auch Wirkung auf das Gesamtsystem hat. Es kann z.B. erkannt werden, dass es Sinn ergibt, einen als schwach angesehenen Betriebsteil zu erhalten, weil er das Gesamtangebot des Unternehmens für Kunden attraktiv macht. Oder bei der bisweilen notwendigen Trennung von Mitarbeiter*innen auch darauf zu achten, wie man den Prozess gestaltet, um den Rest der Belegschaft nicht zu verunsichern.

Reflektion und persönliche Weiterentwicklung

Wünschenswert wäre auch, dass jede/r von uns ihre/sein Erleben dieser Zeit mit dem Corona-Virus dafür nutzt, die Auswirkungen der Krise auf sein Leben und Erleben zu reflektieren und Prozesse der persönlichen Weiterentwicklung in Gang setzt. Das Leben fragt an: „Wie willst Du mit der Krise umgehen? Was bedeutet die aktuelle Situation, wie interpretierst Du sie, welche Ressourcen brauchst Du bzw. welche Ressourcen kannst Du für den Umgang damit mobilisieren?“ In der Not sind wir oft auf uns zurückgeworfen, lernen wir uns besonders gut kennen, entdecken unsere Stärken und unsere Entwicklungs-bedarfe. Die darin liegende Chance für die persönliche Entwicklung lohnt, wahrgenommen zu werden.

Demut und Dankbarkeit

Und vielleicht hat Sie angesichts der Endlichkeit und Verletzlichkeit eines jeden Menschen und vor allem unserer gesamten Welt ein wenig das Gefühl der Demut beschlichen und der Dankbarkeit: Dafür, dass wir so leben können, wie wir es gewohnt sind, dass es zumindest den meisten von uns recht gut geht, dass wir fast immer morgens aufstehen und unseren Aufgaben und Wünschen nachgehen können und im großen und ganzen gesund sind, auch wenn es da und dort gelegentlich zwickt. Vielleicht haben Sie gespürt, wie wichtig und auch wie schön es ist, sich selbst und auch mehr den Augenblick zu spüren und Geschwindigkeit sicher oft gut, aber nicht immer notwendig ist, ganz im Gegenteil. Dass es sich also lohnt, sich mehr Zeit für sich und die Beziehung zu anderen zu nehmen, weil auch daraus eine nicht materiell bedingte Lebenszufriedenheit entsteht. Und dass jedes System nicht bis zur Perfektion getrieben werden muss, denn je komplexer, desto anfälliger, das Unvorhergesehene schafft sich immer einen Weg. Und dass im Leben nichts sicher ist, egal, was man Ihnen erzählt, außer dem eigenen Tod, dessen Zeitpunkt wir nicht kennen.

Wie wird es nach Corona weitergehen, wie wird unsere Welt in Deutschland aussehen? Ich wage einmal ein paar Prognosen:

  • Die Arbeitsorte, die Orte der Leistungserbringung werden sich ändern. Man hat dann gesehen, dass in vielen Fällen home office, vielleicht in verschiedensten Formen, möglich ist – und in vielen nicht, trotz früherer gegenteiliger Annahmen. Und welche Vereinsamung mit home office verbunden sein kann.
  • Der Gleichung „Zeit = Geld“ tritt die Gleichung „Leistung = Geld“ gleichberechtigt bei.
  • Es werden neue Formen der Zusammenarbeit in Organisationen, die auf den Erfahrungen aus der Krise gewonnen wurden, installiert werden.
  • Es werden sich neue Chancen für Produkte und für Märkte ergeben, wenn sich z.B. jeder Haushalt statt 100 Rollen Klopapier 10 wirksame Atemschutzmasken in den Vorrat legt. Was für ein Volumen für die Hersteller von Atemschutzmasken…. Vielleicht werden auch Kochkurse oder entsprechende Literatur Zulauf erfahren, weil man festgestellt hat, dass das Angebot der Lieferdienste doch nicht so abwechslungsreich (oder zu teuer) ist und kochen Spaß macht.
  • Das Investitionsverhalten von Privatpersonen, Unternehmen und auch der öffentlichen Hand wird sich deutlich in vielen Bereichen verändern, mit weitreichenden Konsequenzen.
  • Wir werden Menschen neu sehen, Menschen, die in der Krise beachtliches für die Organisation und die Kolleg*innen geleistet haben, ungeahnte Kreativität entwickelten, übergreifend dachten und handelten – und denen man das bis dato gar nicht zugetraut hat. Und wir werden die „Lautsprecher“ als solche enttarnen, deren Taten weit hinter ihren Ansagen zurückgeblieben sind.
  • Wir werden die Lieferketten unserer Wirtschaft verändern und merken, dass eine Versorgung aus der Nähe trotz vielleicht höherer Preise oft mehr bringt und zuverlässiger ist als eine Versorgung aus der Ferne.
  • Auf Basis der Erfahrung aus der Krise mit der Verletzlichkeit unserer Systeme werden in vielen Fällen des öffentlichen wie privaten Lebens neue Abläufe mit einer größeren Variationsbreite und nicht mehr so sehr linear installiert werden, mit dem Ziel einer besseren Krisenfestigkeit.
  • Wir werden neue Sozialkontakte entdeckt und schätzen gelernt und alte Kontakte wiederbelebt haben.
  • Und vielleicht werden wir ein gesundes Leben, unser Leben, mehr schätzen und es nicht als selbstverständlich annehmen können.

Zu befürchten ist allerdings auch, dass aus diesen Ereignissen in Wirtschaft. Politik und Gesellschaft vermutlich nicht so viel gelernt werden wird wie möglich.

Krise als Chance

Jede Krise ist eine Chance, diese „Weisheit“ ist nun wirklich nicht neu, geht aber in Krisen oft im Getümmel unter. Vielleicht mögen Sie überlegen, was Ihnen und/oder Ihrem Unternehmen diese Krise als Chance gibt bzw. gegeben hat. Dann müssen Sie nur noch an die Umsetzung der erkannten Chancen herangehen. Und wenn Sie dabei Unterstützung in Form von Coaching, Sparring oder Organisationsberatung oder einfach mal einen Gedankenaustausch brauchen – Sie wissen ja, wo Sie uns finden!

Und: Bleiben Sie gesund!

Ihr Thomas Zimmermann

und das Team von synthesis

Unser Angebot: Wenn Sie sich über die oben genannten oder andere Punkte, die Ihnen bei der Lektüre eingefallen sind, mit uns honorarfrei austauschen wollen, zögern Sie nicht dies auch zu tun. Sie erreichen uns telefonisch oder per E-Mail – auch in diesen Wochen! Ihre E-Mail senden bitte an: th.zimmermann@synthesis-berlin.de

 

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