Mein Ziel, Dein Ziel. Oder: Wie viele Realitäten gibt es?

Mein Ziel, Dein Ziel. Oder: Wie viele Realitäten gibt es?

Eine, werden Sie vielleicht sagen, und dabei an Ihre eigene Realität denken. Das ist erst mal völlig in Ordnung. Es gibt mindestens 7,5 Milliarden Realitäten, so meine ich, nämlich genauso viele wie es Menschen auf der Erde gibt. Und vielleicht gibt es sogar ein paar mehr. Das hat mit der menschlichen Wahrnehmung der Umwelt zu tun, denn die ist, so wissen wir schon lange aus der Forschung, von vielen Faktoren abhängig wie z.B. von sprachlichen und sozialen Filtern, Lebensgeschichte und Erfahrungen, Leistungsfähigkeit der Sinnesorgane u.v.m.

Da alle diese Parameter individuell sind, ist auch die Wahrnehmung von Realität unterschiedlich: Wir sehen vielleicht alle dasselbe, jede Person nimmt aber etwas anderes wahr und hält das für die Realität. Für seine Realität. Zeugenbefragungen z.B. vor Gericht sind dafür ein gutes Beispiel. Diese selektive Wahrnehmung ist auch oft für eine rasche Realitäts-verarbeitung wichtig: Je nach Ereignis können Geschwindigkeit und rasche Interpretation überlebenswichtig sein.

Folgende Szene: Ein Gast betritt ein an einem Teich gelegenes Restaurant und bestellt beim Kellner einen Fisch bzw. ein Fischgericht. Der Kellner nimmt die Bestellung auf, sichert auf Nachfrage dem Gast zu, dass der Fisch tatsächlich vorrätig sei und entschwindet in die Küche, um dort dem Koch die Bestellung zu übermitteln. Dieser ist überrascht, hat er doch zuvor dem Service mitgeteilt, dass genau dieser Fisch nicht mehr vorrätig sei, auch im Teich schwämme kein Fisch dieser Art mehr. Er könne doch, so drängt ihn der Kellner, auf jeden Fall die Angel in den Teich halten, vielleicht beiße ja noch ein bislang übersehener Fisch an. Der Koch tut, wie gebeten, schließlich schwimmen unterschiedliche Fische im Teich, aber keiner, der anbeißt, ist einer von der Art, wie sie dem Gast versprochen wurde. Der Kellner wird ungehalten und drängt nun den Koch, sich irgendeine Fangmethode einfallen zu lassen, schließlich habe er dem Gast zugesagt, dass er genau diesen Fisch serviert bekomme, und diese Zusage wolle und müsse er einhalten, daran gäbe es kein Vorbei. Zur Verstärkung holt er den Restaurantleiter herbei, der ebenfalls auf den Koch Druck ausübt. Also setzt der sich wieder, allerdings inzwischen demotiviert, an den Teich und hält den Kescher rein. In der Zwischenzeit bleibt die Küche kalt und andere Gäste (und damit mögliche Einnahmen) verlassen wieder das Lokal. Dass der Koch keinen Fisch fängt, muss ich jetzt sicher nicht mehr sagen.

Und was hat die Realitätsverweigerung des Kellners mit dem Geschehen in Unternehmen zu tun? Eine Menge, denn dort treffen wir in unterschiedlichsten Kontexten immer wieder ein geradezu verblüffendes Maß an Realitätsverweigerung an. Die eine Quelle dafür ist der Wunsch nach Erfolg, der an sich völlig in Ordnung ist. Geleitet von diesem Wunsch, der sich beispielsweise auch in Visionen ausdrückt, werden Zielbilder von den zu erreichenden Ergebnissen entwickelt. Diese sind gespeist von den (unterschiedlichen) Wahrnehmungen der Realität, den Annahmen über die Zukunft, den Beobachtungen des Marktes und der Wettbewerber und Kunden der Beteiligten u.v.m. In aller Regel strahlen diese Bilder eine gewisse Attraktivität aus (sonst würde ihnen ja niemand folgen) und werden deshalb gern als mach- und erreichbar eingestuft (oft von denen, die an der Ausführung später nicht betroffen sind), meist ohne sich über die wirkliche und nicht nur die gewünschte Realisierbarkeit weitere Gedanken zu machen. Das ließe  sich alles machen, heute, morgen oder spätestens übermorgen, so wird es gerne den Mitarbeiter*innen verkauft, der Wettbewerb schaffe es ja auch, geht nicht gibt’s nicht, nur die Harten kommen in Garten, wenn man will, schafft man alles usw. Den Mitarbeiter*innen wird Realitätsverweigerung vorgeworfen, mit deren Sichtweise (Realität) und Erfahrungen setzt man sich nicht auseinander, denn Erfahrungen sind bekanntlich der Hemmschuh des Fortschrittes.

Gerade im Bereich der Zielvereinbarungen (die meist Zielvorgaben sind) trifft man so etwas häufig an: Ziele müssen herausfordernd sein, heißt es, sonst strengt sich ja keiner an. Herausfordernd ja, aber auch aus der Sicht der handelnden Person erreichbar, eine alte Weisheit aus der entsprechenden Forschung. Ich erinnere mich an meine Vertriebszeit, wo die Kollegen und ich zu Jahresbeginn die nach unserer Einschätzung völlig überzogenen Zielvor-gaben erhielten (die aber unter dem Label Zielvereinbarungen liefen). Den Rest des Jahres kümmerten wir uns weniger um deren Erreichung als vielmehr um die Erarbeitung der für das Jahresendgespräch einzusetzenden Argumentation darüber, weshalb wir die Vorgaben nicht erreichen konnten. Warum verhielten wir uns so? Weil das Vorgehen der Vorgesetzten keinerlei Wertschätzung uns gegenüber enthielt und vor allem, weil unsere Realität, so wie wir sie wahrnahmen, von diesen nicht angesehen oder gar respektiert, sondern vom Tisch gewischt wurde.

Realitätsverweigerung heißt das Stichwort: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf (schließlich hat man beispielsweise am anderen Ort (höhere Führungsebene, Kunden usw.) schon irgendwelche Zusagen gemacht), findet es nicht statt. Donald Trump ist ein lebender Beweis für Realitätsverweigerung, die beispielsweise einen wirklich beeindruckenden Ausdruck in seiner Wahrnehmung der Inaugurationsfeier ihren Ausdruck fand: Er beharrte nach der Feier darauf, dass unzählige Menschen an den Feierlichkeiten teilge-nommen hätten – aber alle Bilder bewiesen das Gegenteil. Seitdem werden Wunschbilder auch als „alternative Fakten“ bezeichnet. Leider hat diese Realitätsverweigerung  in seinem Fall gravierende Auswirkungen auf die Umgangskultur in seinem Land und auf die gesamte Welt. So berichtete mir ein Besucher von einem Gespräch, das er mit einem amerikanischen Ehepaar, sehr nette Leute und Trump-Anhänger, geführt habe. In dessen Verlauf hätten diese ernsthaft behauptet, der ehemalige Präsident Obama habe nie einen Job gehabt. Der Einwand, Obama habe doch als Anwalt gearbeitet, prallte an der Argumentation ab, dass es sich hier um „fake news“ handele. Schaut man auf Großbritannien und den Brexit-Prozess stellt sich auch unwillkürlich der Eindruck ein, dass die Beteiligten eine sehr unterschiedliche Realität wahr-nehmen, oder vielleicht sogar gar keine. Wer nicht hinschaut und Fakten negiert, sieht nichts und verhält sich wie ein Blinder. Das ist gefährlich in einer Zeit, wo wir in unserer Informationsgesellschaft eher zu wenig als zu viel von Entwicklungen und Strömungen mitbekommen. Für ein Unternehmen, das so Trends und wichtige Strömungen übersieht und deshalb keine Handlungs-alternativen entwickelt, kann das gravierende Folgen haben. Im schlimmsten Falle kann eine solche Ignoranz für eine Organisation tödlich sein.

Vielleicht werden Sie jetzt einwenden, dass die Aussage von Mitarbeiter*innen, ein Ziel oder ein Auftrag lasse sich nicht realisieren, das sei schöne Fiktion, aber in der Realität nicht umsetzbar usw., sehr oft mit Unlust, Unverstand oder gar Arbeitsverweigerung dieser Personen zu tun habe. Packe man es richtig an und engagiere sich, sei die Umsetzung sehr wohl möglich, andere (die Sie sogar benennen können) würden es schließlich auch schaffen. Ich werde Ihnen da nicht widersprechen, ein solches Mitarbeiterverhalten kommt bestimmt vor und vermutlich gar nicht so selten. Hält man den Kescher nur in der richtigen Höhe, in die richtige Strömung, bleibt vielleicht doch ein Fisch im Netz hängen (um im vorgenannten Beispiel zu bleiben). Wenn das so ist, hätte ich für die Betrachtung der o.g. Einwände ein paar beispielhafte Anregungen für Sie:

  • Wie gut/intensiv haben Sie sich mit der Realität (den Einwänden) der/des Mitarbeiter*in auseinandergesetzt?
  • Wie realistisch ist es wirklich, dass die Aufgabe erledigt werden kann? Wie belastbar sind Ihre diesbezüglichen Wertmaßstäbe?
  • Haben Sie die richtige Person (Einstellungen, Fähigkeiten etc.) ausgewählt? Kennt sie die Strömung und die richtige Höhe, auf welcher der Kescher gehalten werden muss?
  • Was haben Sie getan, der Person die Aufgabe so nahe zu bringen, dass bei ihr Akzeptanz und Engagement entstehen kann?

Ist die bewusst wahrgenommene Realität der Mitarbeiter*innen eine andere als die der Führungskräfte und wird von denen die Realität der Beschäftigten z.B. bei einer Auftragserteilung oder einer Beurteilung nicht erkannt und berücksichtigt, sondern ignoriert, kommt es bei diesen u.a. zu einem schleichenden oder sogar sofortigen Vertrauensverlust, begleitet von dem Gefühl fehlenden Respekts vor ihrer Person und einem damit einher gehenden Mangel an Wertschätzung. Wer sich mit der Realität einer anderen Person nicht auseinandersetzt, signalisiert, dass nur er/sie selbst die richtige Wahrnehmung habe. Sich mit der Realität des/der Mitarbeiter*in nicht auseinanderzusetzen und sie zu ignorieren, bedeutet in der Wahrnehmung des/der Beschäftigten auch, als Individuum mit Erfahrung und Kompetenzen zumindest im Kontext nicht wahrgenommen und geschätzt, sondern ignoriert zu werden. Passiert das häufiger, wird es sich negativ auf Leistungsbereitschaft und Kultur in der Organisation auswirken. Auf der politischen Bühne ist das bereits zu beobachten, in den USA wohl auch schon im Alltag: Wahr ist nur noch, was ich für wahr halte, egal, was andere sagen, die Wissenschaft beweist oder seit alters her bekannt ist. Meine Realität ist richtig, sonst nichts. Zu den unbestrittenen Verdiensten von Herrn Trump gehört schon heute, dass er in der kürzest möglichen Zeit nachhaltig die politische Kultur (und nicht nur diese) negativ beeinflusst hat, und die war sowieso schon brüchig. Es darf bezweifelt werden, dass in diesem Fall Zerstörung etwas Neues, Besseres hervorbringt.

Vielleicht werden Sie einwenden, dass Sie schließlich nicht jede/n Mitarbeiter*in einzeln überzeugen könnten und manch einer intellektuell nicht in der Lage sei, die jeweilige Entscheidung in den Gesamtkontext einzu-ordnen. So wird es wohl in Ihrer Realität sein. Es geht auch nicht darum, jeden Frosch einzeln über die Straße zu tragen, sondern möglichst viele dazu zu bewegen, zu einem günstigen Zeitpunkt, wenn gerade kein Auto kommt, die Straße zu überqueren. Und dann gibt es auch noch Menschen, die einfach auf ihrer Sichtweise beharren und durch keinerlei Argumente zu überzeugen sind: Das geht nicht, sagen sie, das hat noch nie funktioniert und wird auch nicht funktionieren. Hier könnten Sie schauen, weshalb die betreffende Person eine solche Haltung einnimmt, was sie für sie bedeutet. Ich vermute, dass ein solcher Mensch ein hohes Sicherheitsbedürfnis und entsprechend viel Angst vor der Zukunft hat. Da wäre zu fragen, was diese Person braucht, um den Sprung zu wagen. So viel Aufwand für ein paar Zweifler und Ignoranten? Müssen Sie nicht treiben (und manchmal geht es aus Zeitgründen auch nicht), richten Sie sich dann aber auch auf Minderleistung in unterschiedlichster Form ein.

Wieviel schneller oder gar besser könnten wir oft sein, wenn wir manchmal uns mit Sichtweisen und Realitäten anderer beschäftigten, statt sie zu ignorieren oder auf unserer Einstellung zu beharren und sie einfach akzeptierten? Es ist kein Zeichen von Intelligenz, dreimal gegen dieselbe Wand zu laufen und dabei zu ignorieren, dass an dieser Stelle nun mal keine Tür ist. Denn die befindet sich einige Meter weiter auf der Seite: Statt zu beharren, hätte ein Blick dorthin das Problem, in den anderen Raum zu kommen, schnell gelöst. Der Begriff der „Schwarmintelligenz“ wäre hier auch zu nennen: Anstatt auf der eigenen Sichtweise zu beharren, kann die Betrachtung und der Einbezug der anderen Sichtweisen zu qualitativ besseren Lösungen führen. Um den Realitäten gerecht zu werden, sei der Vollständig-keit halber erwähnt, dass es auch Schwarmdummheit gibt, die sich leider immer wieder beobachten lässt.

Wir wünschen Ihnen für das neue Jahr (das ja schon lange begonnen hat) einen großen Weitblick und wenn Sie mal das Gefühl beschleicht, dass Ihr Blick doch verengt ist – Sie wissen ja, wo Sie uns finden!

Ihr Thomas Zimmermann

und das Team von synthesis

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