Wie Wahrnehmung Wahrheit generiert

Wie Wahrnehmung Wahrheit generiert

In der New Yorker U-Bahn toben drei Kinder, sind laut und belästigen auch andere Fahrgäste. Der Vater sitzt teilnahmslos daneben, scheint es nicht zu bemerken und greift auch nicht ein. Der Unmut der Fahrgäste steigt sichtlich. So etwas haben Sie sicher auch schon erlebt, ein entsprechendes Bild ist in Ihnen bereits aktiviert und vielleicht empfinden Sie beim Lesen dieser Sätze auch ein wenig Groll auf den inaktiven Vater, aber die Geschichte geht weiter:

Endlich steht jemand auf, spricht den Vater ziemlich barsch auf das Verhalten der Kinder an und bittet ihn, diese zur Ordnung zu rufen. Der Vater schaut ihn irritiert an und sagt: „Es tut mir leid, wir kommen soeben aus der Klinik, wo vor einer Stunde meine Frau, die Mutter der Kinder, verstorben ist. Ich weiß im Augenblick nicht weiter, und den Kindern geht es sicher auch so. Ich entschuldige mich.“ Was ist jetzt mit Ihrem Groll, wie hat sich Ihr Bild verwandelt? Wie bewerten Sie jetzt die Vorgänge, was ist jetzt die „Wahrheit“? Wir bilden uns schnell unsere Meinung, indem wir auf die uns zur Verfügung gestellten Informationen zurückgreifen. Aber wie vollständig, belastbar und neutral sind diese Informationen, repräsentieren sie wirklich die Wahrheit, die wir zur Grundlage unserer Einschätzungen machen können?

Unsere Wahrnehmung und damit unsere Wahrheit ist eine Frage von Information, Vorannahmen und Perspektiven. Menschen neigen dazu, auch aufgrund ihrer Entwicklungsgeschichte, selbst auf der Basis geringer Informationen Standpunkte einzunehmen und Urteile zu fällen. Das haben wir in unserer Entwicklungsgeschichte auch gebraucht, um Gefahren einzuschätzen und überleben zu können: Wenn der Tiger vor mir steht, ist eine schnelle Einschätzung und eine darauf basierende Entscheidung gefragt. Natürlich brauchen wir diese Fähigkeit auch heute noch (obwohl wir im Alltag seltener auf Tiger treffen), z.B. in kritischen Situationen des Straßenverkehrs oder manchen Geschäftsverhandlungen, aber wir haben uns weiterentwickelt: Wir sind in der Lage, in vielen Kontexten unser Blickfeld zu erweitern und weitere Komponenten in unsere Betrachtung aufzunehmen. Wir haben die Wahl, welche und wie viele Informationen wir in unser Bild aufnehmen. Das ist oft anstrengend und mühsam und gefährdet so manche lieb gewonnen Einstellung (denn so verändern sich Bilder und Annahmen), deshalb wird es oft unterlassen oder zumindest ungern gemacht. Das Ausblenden von Informationen und Perspektiven hat den großen Vorteil, dass relativ schnell ein handhabbares Bild der Welt und der Situation herstellbar ist. Ein bekanntes Boulevardblatt mit 4 Buchstaben besorgt diese Verkürzung für seine Leser seit vielen Jahren erfolgreich und hilft ihnen so, ein scheinbar belastbares Bild von Gut und Böse zu entwickeln und weitere Denkanstrengungen zu vermeiden. Komplexitätsreduktion, und nichts anderes ist das, hat den Vorteil, dass man mit geringerem Aufwand den Überblick behalten und auf dieser Basis (oft scheinbar) vernünftige Entscheidungen ohne weiteren Aufwand treffen kann.

Wahrheit ist das Ergebnis einer Selektion

Verstehen Sie mich bitte richtig (aber was ist schon richtig …): Wir sind mit unseren Kapazitäten nicht in der Lage, alle Perspektiven und Hintergründe stets im Blick zu haben, das überfordert unser Gehirn. Wir können immer nur Ausschnitte betrachten. Entscheidend ist aber: welche und wie viele? Sicher ist es Ihnen in der Führungsarbeit auch schon wiederfahren, dass Sie mit schwierigen Sachverhalten konfrontiert und um Stellungnahme oder Entscheidung gebeten wurden. Beispiel: Sie werden angesprochen, dass ein Mitarbeiter sich – nach Meinung der Kollegen – unangemessen verhält. Die Ihnen gegebenen Ausführungen sind in sich so geschlossen, dass es nur eine Möglichkeit zu geben scheint: Der Mitarbeiter ist schuld und muss von Ihnen entsprechend zur Ordnung gerufen werden. Was haben Sie bis zu diesem Gedankenschluss alles ausgeblendet? Sie wissen vermutlich nicht, ob das Vorgetragene der Wahrheit entspricht, ob sich die Ereignisse wirklich so verhalten. Sie wissen nichts über die Motivation des Mitarbeiters, welche ihn zu dem von den Kollegen behaupteten Verhalten bewegt hat (so er es überhaupt in der geschilderten Weise gezeigt hat).

Vielleicht wissen Sie auch wenig oder nichts über die tatsächliche Arbeitssituation des Mitarbeiters. Und Sie wissen wenig oder nichts über eventuelle Vorgeschichten zwischen dem Mitarbeiter und dem Kollegen usw. usw. Als gute Führungskraft werden Sie deshalb die andere Partei hören und vielleicht sogar die Situation genauer in Augenschein nehmen, und es ist sehr wahrscheinlich, dass Sie ein anderes, komplexeres Bild von der Situation bekommen werden. Sie werden dann immer noch nicht die „Wahrheit“ kennen, können aber eine angemessenere Einschätzung treffen und daraus resultierend entsprechende Maßnahmen ergreifen. Auch dann handeln Sie aufgrund Ihrer „Wahrheit“ und nicht unter Einbezug aller möglichen Komponenten – was oft auch nicht möglich und erforderlich ist.

Wenn ich in Unternehmen Mitarbeiter nach ihrer Sicht über das Geschehen im Unternehmen oder ihre Perspektive auf bestimmte Führungskräfte und deren Verhalten befrage, passiert es jedes Mal, dass ich völlig unterschiedliche Bilder bekomme, die alle nach Meinung der Befragten der vollen Wahrheit entsprechen. Es gibt also verschiedene Wahrheiten: 4 Menschen mit einer Augenbinde sollen einen Elefanten beschreiben. Der erste betastet ein Bein des Elefanten und ruft: „Der Elefant ist ein säulenartiges Wesen!“ Der zweite bekommt den Rüssel zu fassen und sagt: „Der Elefant ist ein schlangenartiges Wesen!“ Der dritte greift zu den Ohren und meint: „Der Elefant ist flach wie ein Plattfisch“ Und der vierte gibt einen entsprechenden Kommentar ab, nachdem er den Schwanz des Elefanten zu fassen bekommt. Jeder hat Recht – aus seiner Perspektive.

Alles ist wahr, alles ist richtig – aus der jeweiligen Perspektive. Gotteskrieger aller Couleur haben ihre Wahrheit, ihren Glauben, ohne den sie nicht ihre Taten mit der uns täglich vor Augen geführten Motivation ausführen könnten. Diese „Wahrheit“ muss auch in den bei ihnen anzutreffenden engen Gedankenstrukturen verbleiben, damit sie in genau diesem Rahmen verständlich bleibt und kein oder nur wenig Platz für Zweifel bei den Betroffenen übrig bleibt. Nicht umsonst heißt es, dass das erste Opfer in kriegerischen Auseinandersetzungen die Wahrheit ist – welche Wahrheit, wessen Wahrheit? Gleich danach (oder vielleicht auch zuvor?) kommt die Menschlichkeit.

Neue Perspektiven erzeugen neue Wahrheiten

Einer, der auf beeindruckende Weise zeigt, was möglich ist, wenn man Perspektiven erweitert und Engstirnigkeit überwindet, ist Daniel Barenboim mit seinem West-Eastern Divan Orchestra. Seit Jahren vereint er in diesem Orchester junge Musiker aus allen Staaten des nahen Ostens, insbesondere auch aus Israel und dem Gaza-Streifen, und führt mit diesen beeindruckende Konzerte auf. In dem gemeinsamen Interesse an der Musik sind diese Menschen vereint, die zuvor gelernt haben, den jeweils anderen ideologiefrei als gleichwertigen Menschen mit gleichem Interesse an Musik zu sehen. Daniel Barenboim ist zutiefst überzeugt, dass Konflikte mit Waffen nicht gelöst werden können (Interview im Fernsehen am 24.08.2014), und ich stimme ihm aus vollem Herzen zu. Wichtiger ist es, die anderen Menschen zu kennen und zu verstehen sowie sich ihnen selbst verständlich zu machen. Neben einer grundsätzlichen Bereitschaft erfordert dies, offen und möglichst unvoreingenommen und mit ehrlichem Interesse einem anderen Menschen entgegenzutreten, ihn auf sich wirken und sich auf ihn einzulassen. Dass wir auf der politischen Ebene dazu in der Lage sind, zeigt die Entwicklung Europas nach dem 2. Weltkrieg und insbesondere das Verhältnis Deutschland-Frankreich. Wer hätte gedacht, dass es gelingt, die jahrhundertealten Gräben zu überwinden und friedlich die Probleme zu lösen, nicht mehr auf dem Schlachtfeld? Dafür aufgegeben werden mussten viele voreingenommenen Sichtweisen und Perspektiven, so dass sich über die Jahrzehnte ein anderes Miteinander und ein anderes Verstehen etablieren konnte.

Die Wahrheit der anderen kennen – besser führen!

Auch in unseren Unternehmen können wir kostentreibende Kämpfe, Konflikte
und Verletzungen entscheidend und nachhaltig reduzieren und so Mitarbeiterzufriedenheit, Leistung und Mitarbeiterbindung bei gleichzeitiger Kostensenkung erhöhen. In der Führung gilt: Je besser ich meine Mitarbeiter über das rein fachliche hinaus kenne, desto besser kann ich sie verstehen und desto besser wird bei diesen das Verständnis und die Akzeptanz meiner Entscheidungen, auch wenn sie für die Mitarbeiter manchmal eher unangenehm sind. Das Bild der Menschen, mit denen eine Führungskraft zusammen arbeitet, verändert sich in dem Maße, in dem die Führungsraft gewillt ist, die eigenen Sichtweisen zu erweitern und weitere Perspektiven zuzulassen: Vermutlich ist es bei Ihnen auch schon einmal vorgekommen, dass Sie einen anderen Menschen eher negativ einschätzen. Aus irgendeinem Grund passiert es nun, dass sie näher mit diesem Menschen in Kontakt kommen und plötzlich einen „ganz anderen Menschen“ kennenlernen. Eine Mitarbeiterin in einem Unternehmen vertrat resolut und mit Nachdruck Sichtweisen zum Unternehmen und dem aktuellen Geschäft, die mit denen der Geschäftsleitung und einem Großteil der Kollegen nicht kompatibel waren. Ich gebe zu, auch mich nervte sie mit diesem Verhalten, brachte sie doch die mühsam erarbeiteten Pläne und Strategien durcheinander. Eines Tages nahm ich mir die Zeit, in einem mehrstündigen Gespräch mit ihr in Kontakt zu kommen und von ihr ihre Motivation und die Hintergründe ihrer Verhaltensweisen zu erfahren. Da ich auch wirklich an dieser Person und ihrer Motivation interessiert und deshalb bereit war, eigene Sichtweisen in Frage zu stellen, veränderte sich in diesem Gespräch mein Bild von der sperrigen hin zu der interessierten und engagierten Kollegin.

Es stellte sich heraus, dass sie in gleicher Weise am Wohl des Unternehmens wie alle anderen interessiert war, aber die Meinung hatte, dass der Weg der anderen ungünstig und der ihre der einzig richtige wäre. Beide Seiten hatten die jeweils anderen Perspektiven ausgeblendet, um so die Richtigkeit des eigenen Vorgehens abzusichern. Indem wir das gemeinsame Motiv und die unterschiedlichen Sichtweisen über den Weg in Gesprächen offenlegten, konnte nicht nur ein gemeinsamer Weg gefunden, sondern gleichzeitig ein wichtiges Signal ins Unternehmen gegeben werden: Man ist nicht nur verbal, sondern tatsächlich an der Meinung und Mitwirkung der Menschen in der Organisation interessiert. Das Unternehmen erschließt sich so ganz nebenbei ein Potenzial an Ideen und Engagement, das keinen Cent mehr kostet als ohnehin für Löhne ausgegeben wird. Stephen Covey formuliert in seinem Bestseller „Die 7 Wege zur Effektivität“ den 5. Weg wie folgt: Erst verstehen, dann verstanden werden. Genau das ist die Reihenfolge, die Organisationen so erfolgreich machen und die gesamte Unternehmenskultur nachhaltig positiv beeinflussen kann. Dies ist auch ein guter Weg, um die Engstirnigkeit in Unternehmen, die den Erfolg blockiert, zu überwinden und das Potenzial des ganzen Mitarbeiters zu erschließen.

Ober sticht Unter, heißt eine bekannte Regel, und natürlich gibt es Situationen (siehe Tiger-Beispiel), wo schnell Entscheidungen getroffen werden müssen. Aber das ist bei weitem seltener der Fall, als gemeinhin angenommen wird (eignet sich aber hervorragend als Entschuldigungsgrund). Der andere, hier aufgezeigte Weg, ist anstrengender und mühsamer und kostet zunächst viel Zeit. Aber Führungskräfte werden sowieso nicht fürs Arbeiten bezahlt, sondern für die Führung, und das bedeutet, mehr Zeit für die Menschen aufzuwenden und die Informationssammlung und weniger für die Sacharbeit. Der Ertrag jedenfalls ist auf Sicht weitaus größer und die Entscheidungen qualitativ besser, als wenn die Führungskraft der beste Sachbearbeiter ist.

Zum Schluss: Gibt es sie denn nun gar nicht, die Wahrheit? Doch, es gibt schon Wahrheiten: Die, die sich jeder Mensch selbst zusammenbastelt sowie Grundwahrheiten aus den Naturwissenschaften (wenn ich trockenes Holz anzünde, verbrennt es und wärmt). Aussagen, die sich über Jahrtausende immer wieder bewahrheitet haben, z.B. sog. Naturgesetze und viele Aussagen aus der Bibel, wobei es hier erstaunlicherweise zahlreiche Übereinstimmungen mit den Schriften der anderen Glaubensrichtungen gibt. Darüber müssten diese also gar nicht streiten, tun es aber dennoch, was zu der berechtigten Vermutung Anlass gibt, dass in all diesen Auseinandersetzungen der Glaube lediglich ein Vehikel zur Realisierung von Machtinteressen ist, wobei es sich meiner Meinung nach nicht um eine Vermutung, sondern um eine Wahrheit handelt.

Viele Grüße und einen schönen Herbst,

Ihr

Thomas Zimmermann

und das Team von synthesis

Eine passende Literaturempfehlung: Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Absolut lesenswerter Klassiker!

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